Foto: Rene Riller, Schlanders (I)
09.03.2010 - Ausgabe 01/2010
Schwer und schwerelos
Die reduzierte Formensprache Scherers und seine Entscheidung für einfache Materialien schreiben die Schlichtheit des klassizistischen Wehrbaus fort. Zwischen dem Beton und dem schwarzen Stahl blitzt allerdings ein vergoldeter Handlauf heraus, der die Treppe hinab zur unteren Festungsebene begleitet. Von dem Künstler Manfred Alois Mayr gestaltet, spielt dieses Detail auf das Jahr 1943 an, als Mussolini die Goldreserven der Banca d’Italia in der Franzensfeste versteckte.
www.oppidum.bz.it
Simone Hübener
Schwer und schwerelos
Festung Franzensfeste in Südtirol
Sichtbeton erinnert viele Menschen bis heute vor allem an eines: den Bau von Bunkern und Luftschutzkellern. Dieser wehrhafte, schützende Charakter ist es, der den Baustoff auch dafür prädestinierte, bei der Umgestaltung der Festung Franzensfeste zu einem Ausstellungsort verwendet zu werden. So passen etwa die neu errichteten Türme, in denen Treppen und Aufzüge untergebracht sind, mit ihrer Massivität hervorragend zur der aus groben Granitblöcken errichteten Anlage. Tritt man allerdings näher an die neuen Bauwerke heran, entdeckt man schmale horizontale Schlitze in den Betonwänden, durch die das Tageslicht ins Innere fallen kann. Der Meraner Architekt Markus Scherer ließ während des Betonierens alle dreißig bis siebzig Zentimeter eine feine waagerechte Sandschicht einbringen und nach dem Aushärten wieder ausspülen. Außerdem gab er Granitsand als Zuschlagstoff bei und ließ nach dem Ausschalen die Oberflächen durch Sandstrahlen aufrauen. Auf diese Weise wirkt der Beton nun beinahe wie grob behauener Naturstein und korrespondiert aufs Beste mit dem alten Gemäuer. Bei den Stegen und Brüstungen setzt Scherer hingegen auf den Eindruck von Leichtigkeit. Das Streckmetall, das – wie alle anderen Stahlteile auch – verzinkt und patiniert wurde, kontrastiert mit den schweren, teils meterdicken Wänden der alten Festung. Für die von Süden kommenden Besucher gut versteckt, schuf der Architekt an der Nordseite der unteren Ebene einen besonderen Blickfang. Zwei übereinanderliegende Brücken, die verschiedene Ausstellungsbereiche miteinander verbinden, scheinen über der Wasseroberfläche des Stausees zu schweben und sich aneinander festzuhalten. Nur dank einer äußerst stabilen Konstruktion und der Verankerung im meterdicken Mauerwerk der alten Festung konnte die Gravitationskraft hier scheinbar außer Kraft gesetzt werden.Die reduzierte Formensprache Scherers und seine Entscheidung für einfache Materialien schreiben die Schlichtheit des klassizistischen Wehrbaus fort. Zwischen dem Beton und dem schwarzen Stahl blitzt allerdings ein vergoldeter Handlauf heraus, der die Treppe hinab zur unteren Festungsebene begleitet. Von dem Künstler Manfred Alois Mayr gestaltet, spielt dieses Detail auf das Jahr 1943 an, als Mussolini die Goldreserven der Banca d’Italia in der Franzensfeste versteckte.
www.oppidum.bz.it

Simone Hübener



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