Foto: Thomas Kemnitz, Berlin
06.12.2011 - Ausgabe 05/2011
Hühner statt Hüte
Als Erich Mendelsohn 1920 die ersten Skizzen zu dem kraftvoll aufgetürmten Fabrikgebäude aufs Papier wirft, erinnern die dynamischen, fließenden Linien an den Potsdamer Einsteinturm. Ein Jahr später – die Hutfabrik Steinberg Herrmann & Co. in Luckenwalde südlich von Berlin nimmt Gestalt an – erkennt man die Formen zwar wieder, doch der Bau tritt kantig, fast kristallin vor Augen und markiert den Anfang einer neuen, scharf geschnittenen Architektursprache im Werk des Architekten. Beim Bau des Einsteinturms hatte er erfahren müssen, dass die fließenden Formen nur mit großem bautechnischen Aufwand zu realisieren waren. Für die Hutfabrik wählte er deshalb bewährte, unproblematische Bauweisen.
Die austarierte Baukörperkomposition findet ihren Auftakt mit den beiden an der Symmetrieachse spiegelbildlich angeordneten Pförtnerhäusern. Dann schon der Paukenschlag: die zehn Joch breite Färberei mit dem berühmten, weil ungemein signifikanten, steil aufragenden Dachaufbau – ein Bild, das in jeder Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts präsent ist. Den Hintergrund bildet die eigentliche Werkshalle, vierschiffig und dreißig Joche lang. An der Nordseite findet die Achse mit dem Kesselhaus ihren Endpunkt.
Bei der Hutfabrik spielte Mendelsohn erstmals mit dem expressionistischen Dekor der horizontalen, gemauerten Reliefstreifen, die dem Bauwerk Eleganz und Leichtigkeit, aber auch volumetrische Kraft verleihen. Dieser Effekt ist insbesondere den nach oben ausgreifenden Eckausbildungen geschuldet. Die Hutfabrik sei sein bester Bau, nicht der Einsteinturm, vertraute Mendelsohn später seinen Studenten an.
Auf Hüte folgen Kanonen und Panzer
1933 war es mit der Hutfabrik zu Ende, Salomon Herrmann musste emigrieren und ein anderer Hermann kam, Göring nämlich, und ließ in der Halle Flugzeugkanonen produzieren. Zu DDR-Zeiten wurde dann erst an russischen Panzern geschraubt, anschließend übernahm der VEB Wälzlager die Hallen. Nach der Wende stand die Anlage lange leer, bis der Berliner Bauunternehmer Abbas Ayad das Wagnis einging, das Kulturdenkmal von nationalem Rang zu restaurieren und einer neuen Nutzung zuzuführen. Verantwortlich für die Instandsetzung und Modernisierung ist der Ingenieur Otto Risch, der das „Ingenieurbüro Abbas Ayad“ leitet. Er ließ mehrere Anbauten abreißen, nachträglich eingefügte Tore und Fenster entfernen und den Originalzustand rekonstruieren.
Inzwischen ist die Anlage erneut zum Ziel von Architekturfans geworden. Die Färberei hat ihre 1941 abgerissene, charakteristische Haube wieder – allerdings nur als Holzkonstruktion, denn die originalgetreue Ausführung als aufgesetztes Betonskelett ließ die betagte Unterkonstruktion aus statischen Gründen nicht mehr zu. Die Wärmedämmung wurde verbessert, unter anderem durch Porotonsteine, die den Außenwänden innen vorgemauert wurden. Die Fenster waren meist nicht mehr im Original erhalten – sie wurden dem Original nachempfunden und mit Isolierglasscheiben versehen. Heute dient die Färberei als Veranstaltungsort, zudem findet sich in der Hutfabrik eine Ausstellung über die Geschichte des Bauwerks und seine Sanierung.
Die Werkshalle ist ebenfalls restauriert worden: Wie schon bei der Färberei ging es auch hier um die Betonsanierung des Tragwerks, um eine neue Dachdeckung und um die Reparatur der Ziegelfassaden, von denen in diesem Teil der Anlage nur noch wenige Partien überdauert haben. So musste fast die ganze Vormauerfassade rekonstruiert werden. Sie ist nun mit rostfreien Ankern an den Betonwänden befestigt. Es war wohl nicht einfach, Handwerker zu finden, die das komplizierte Verfugen und das Aufmörteln einer Fase auf jedes einzelne der vorspringenden Ziegelbänder zur Abweisung des Regenwassers beherrschen.
Was bringt die Zukunft?
Den vor allem vom russischen Militär kontaminierten Boden auszubauen, war finanziell nicht zu leisten. Er soll mit einem neuen Bodenbelag versiegelt werden. Der wird aber erst eingebaut, wenn die neue Nutzung der Werkshalle feststeht. Die ursprünglichen Pläne, hier Altkleider zu sortieren und Dämmstoffe zu produzieren, haben sich als unrentierlich erwiesen. Gegenwärtig wird geprüft, ob behördlicherseits Einwände gegen eine Geflügelzuchtanlage in den Hallen bestehen. Eine solche Nutzung würde das Baudenkmal am wenigsten beeinträchtigen, heißt es.
In diesem Fall könnte das Kesselhaus als Schlachthaus ausgebaut werden. Bei der einstigen Energiezentrale ist der Verlust an Originalsubstanz am größten: Die expressionistischen Fassaden sind gänzlich verschwunden und rigorose Umbauten haben den Bau verunstaltet. Die Sanierung des recht ruinösen Kesselhauses ist noch nicht in Angriff genommen worden. Eine originalgetreue Rekonstruktion der fehlenden Bauteile kommt nicht infrage, weil zu wenig erhalten geblieben ist, stattdessen ist eine kongeniale Fassadengestaltung gefragt.
Wer die verbaute und verhunzte Anlage der Hutfabrik vor zehn Jahren gesehen hat, kann ermessen, wieviel der Eigentümer sowie die Förderer, der Bundeskulturbeauftragte, die Stiftung Denkmalschutz, die Stiftung Hutfabrik und das Land Brandenburg getan haben, um das nicht nur bauhistorisch bedeutende, sondern auch wunderschöne Ensemble zu retten und zugänglich zu machen. Es bleibt zu hoffen, dass bald eine rentable Nutzung gefunden wird, sodass auch die Torhäuser sowie das Kesselhaus eine Sanierung erfahren dürfen. Erst dann wird die eindrucksvolle Gesamtanlage der ehemaligen Hutfabrik in ihrer ganzen Schönheit vor Augen treten.
www.hutfabrik.net →
www.lumabytes.com/hutfabrik-luckenwalde
Falk Jaeger
Hühner statt Hüte
Mendelsohns ehemalige Hutfabrik in Luckenwalde
Über der Färberei der Hutfabrik in Luckenwalde erhebt sich wieder ein markantes Dach: Das Bauwerk und die daran anschließenden Werkshallen wurden nach Jahrzehnten der Vernachlässigung instand gesetzt und in Teilen rekonstruiert. Das Gros der Anlage wartet jedoch noch auf eine neue Nutzung – im Moment wird geprüft, ob sich dort eine Geflügelzucht unterbringen ließe.Als Erich Mendelsohn 1920 die ersten Skizzen zu dem kraftvoll aufgetürmten Fabrikgebäude aufs Papier wirft, erinnern die dynamischen, fließenden Linien an den Potsdamer Einsteinturm. Ein Jahr später – die Hutfabrik Steinberg Herrmann & Co. in Luckenwalde südlich von Berlin nimmt Gestalt an – erkennt man die Formen zwar wieder, doch der Bau tritt kantig, fast kristallin vor Augen und markiert den Anfang einer neuen, scharf geschnittenen Architektursprache im Werk des Architekten. Beim Bau des Einsteinturms hatte er erfahren müssen, dass die fließenden Formen nur mit großem bautechnischen Aufwand zu realisieren waren. Für die Hutfabrik wählte er deshalb bewährte, unproblematische Bauweisen.
Die austarierte Baukörperkomposition findet ihren Auftakt mit den beiden an der Symmetrieachse spiegelbildlich angeordneten Pförtnerhäusern. Dann schon der Paukenschlag: die zehn Joch breite Färberei mit dem berühmten, weil ungemein signifikanten, steil aufragenden Dachaufbau – ein Bild, das in jeder Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts präsent ist. Den Hintergrund bildet die eigentliche Werkshalle, vierschiffig und dreißig Joche lang. An der Nordseite findet die Achse mit dem Kesselhaus ihren Endpunkt.
Bei der Hutfabrik spielte Mendelsohn erstmals mit dem expressionistischen Dekor der horizontalen, gemauerten Reliefstreifen, die dem Bauwerk Eleganz und Leichtigkeit, aber auch volumetrische Kraft verleihen. Dieser Effekt ist insbesondere den nach oben ausgreifenden Eckausbildungen geschuldet. Die Hutfabrik sei sein bester Bau, nicht der Einsteinturm, vertraute Mendelsohn später seinen Studenten an.
Auf Hüte folgen Kanonen und Panzer
1933 war es mit der Hutfabrik zu Ende, Salomon Herrmann musste emigrieren und ein anderer Hermann kam, Göring nämlich, und ließ in der Halle Flugzeugkanonen produzieren. Zu DDR-Zeiten wurde dann erst an russischen Panzern geschraubt, anschließend übernahm der VEB Wälzlager die Hallen. Nach der Wende stand die Anlage lange leer, bis der Berliner Bauunternehmer Abbas Ayad das Wagnis einging, das Kulturdenkmal von nationalem Rang zu restaurieren und einer neuen Nutzung zuzuführen. Verantwortlich für die Instandsetzung und Modernisierung ist der Ingenieur Otto Risch, der das „Ingenieurbüro Abbas Ayad“ leitet. Er ließ mehrere Anbauten abreißen, nachträglich eingefügte Tore und Fenster entfernen und den Originalzustand rekonstruieren.
Inzwischen ist die Anlage erneut zum Ziel von Architekturfans geworden. Die Färberei hat ihre 1941 abgerissene, charakteristische Haube wieder – allerdings nur als Holzkonstruktion, denn die originalgetreue Ausführung als aufgesetztes Betonskelett ließ die betagte Unterkonstruktion aus statischen Gründen nicht mehr zu. Die Wärmedämmung wurde verbessert, unter anderem durch Porotonsteine, die den Außenwänden innen vorgemauert wurden. Die Fenster waren meist nicht mehr im Original erhalten – sie wurden dem Original nachempfunden und mit Isolierglasscheiben versehen. Heute dient die Färberei als Veranstaltungsort, zudem findet sich in der Hutfabrik eine Ausstellung über die Geschichte des Bauwerks und seine Sanierung.
Die Werkshalle ist ebenfalls restauriert worden: Wie schon bei der Färberei ging es auch hier um die Betonsanierung des Tragwerks, um eine neue Dachdeckung und um die Reparatur der Ziegelfassaden, von denen in diesem Teil der Anlage nur noch wenige Partien überdauert haben. So musste fast die ganze Vormauerfassade rekonstruiert werden. Sie ist nun mit rostfreien Ankern an den Betonwänden befestigt. Es war wohl nicht einfach, Handwerker zu finden, die das komplizierte Verfugen und das Aufmörteln einer Fase auf jedes einzelne der vorspringenden Ziegelbänder zur Abweisung des Regenwassers beherrschen.
Was bringt die Zukunft?
Den vor allem vom russischen Militär kontaminierten Boden auszubauen, war finanziell nicht zu leisten. Er soll mit einem neuen Bodenbelag versiegelt werden. Der wird aber erst eingebaut, wenn die neue Nutzung der Werkshalle feststeht. Die ursprünglichen Pläne, hier Altkleider zu sortieren und Dämmstoffe zu produzieren, haben sich als unrentierlich erwiesen. Gegenwärtig wird geprüft, ob behördlicherseits Einwände gegen eine Geflügelzuchtanlage in den Hallen bestehen. Eine solche Nutzung würde das Baudenkmal am wenigsten beeinträchtigen, heißt es.
In diesem Fall könnte das Kesselhaus als Schlachthaus ausgebaut werden. Bei der einstigen Energiezentrale ist der Verlust an Originalsubstanz am größten: Die expressionistischen Fassaden sind gänzlich verschwunden und rigorose Umbauten haben den Bau verunstaltet. Die Sanierung des recht ruinösen Kesselhauses ist noch nicht in Angriff genommen worden. Eine originalgetreue Rekonstruktion der fehlenden Bauteile kommt nicht infrage, weil zu wenig erhalten geblieben ist, stattdessen ist eine kongeniale Fassadengestaltung gefragt.
Wer die verbaute und verhunzte Anlage der Hutfabrik vor zehn Jahren gesehen hat, kann ermessen, wieviel der Eigentümer sowie die Förderer, der Bundeskulturbeauftragte, die Stiftung Denkmalschutz, die Stiftung Hutfabrik und das Land Brandenburg getan haben, um das nicht nur bauhistorisch bedeutende, sondern auch wunderschöne Ensemble zu retten und zugänglich zu machen. Es bleibt zu hoffen, dass bald eine rentable Nutzung gefunden wird, sodass auch die Torhäuser sowie das Kesselhaus eine Sanierung erfahren dürfen. Erst dann wird die eindrucksvolle Gesamtanlage der ehemaligen Hutfabrik in ihrer ganzen Schönheit vor Augen treten.
www.hutfabrik.net →
www.lumabytes.com/hutfabrik-luckenwalde

Falk Jaeger



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